Mittwochshäppchen aus Mord in Verona- Todesengel

Der zweite Fall für Yon und Ada

 

Yon stand in der Halle seines geerbten Gutshauses und starrte zu dem Loch im roten Ziegeldach hinauf und dann hinunter auf die schmutzige Pfütze, die vor seinen Füßen auf dem Steinboden schillerte. Er nagte an seiner Lippe und fluchte leise.

Er war davon ausgegangen, dass der Verwalter, der sich um das Gut hatte kümmern sollen, es instand hielt. Doch der Mann war einfach gestorben und seine Frau hatte nicht gewusst, an wen sie sich wenden sollte. Als die Jahrespension ihres Mannes weiterhin eingetroffen war, hatte sie kurzerhand beschlossen, weiterzumachen, als sei nichts geschehen. Ihre Fürsorge hatte sich jedoch ausschließlich auf die Ställe und Wirtschaftsgebäude erstreckt, die ihr selbst nützlich waren.

Yon sah sich in der leeren Halle um und betrachtete die schmutzigen Wände, die abblätternden Säulen, die verblassten Fresken. Weiß Gott, dachte er, er würde einigen Aufwand betreiben müssen, um der Halle zu altem Glanz zu verhelfen.

Er seufzte. Alles Grollen half ihm nicht weiter. Den schlechten Zustand des Hauses hatte er sich letztendlich selbst zuzuschreiben. Er war so besessen gewesen von seiner Suche nach Leocadia, dass er keinen Gedanken an dieses Gut verschwendet hatte. Nun, es wurde Zeit, dass er daran etwas änderte. Er ging die Treppe hinunter und trat auf den Hof hinaus.

Micheletto, der die Nebengebäude inspiziert hatte, sah ihn kommen und gesellte sich zu ihm. »Wie sieht es drinnen aus? Ist das Haus bewohnbar?«

»Nur, wenn man sich an ein wenig Regen und Wind in der Halle nicht stört«, sagte Yon grimmig. »Das Dach hat ein Loch. Wie steht es mit dem Rest?«

»Leidlich«, erwiderte Micheletto. »Ich hoffe, du hast irgendwo einen Esel stehen, der Goldstücke scheißt. Das wird nicht billig, alles wieder herzurichten.«

»Überlasst das nur mir.«

»Mit Freuden«, murmelte Micheletto.

Die Männer saßen auf und lenkten ihre Rösser durch das Tor auf die schlammige Straße. Ein eisiger Wind empfing sie und zerrte an ihren Mänteln. Yons Blick glitt an den Hügeln entlang, die das Gut an drei Seiten umgaben. Für gewöhnlich boten sie Schutz vor dem Zugriff der eisigen Luft, doch während er im Haus gewesen war, musste der Wind sich nach Westen gedreht haben. Die morastige Wiese, die sich vor Yon ausbreitete, schien sich unter den Windstößen zu ducken; das Gras war mehr bräunlich, als grün, und die Steine, die da und dort zwischen den Grasbüscheln hervorlugten, sahen aus wie gebleichte Knochen. Ein schmaler, schnell fließender Bach schlängelte sich durch das niedrige Gras, beschrieb einen weiten Bogen um die einsame, mächtige Olive, an die Yon sich noch gut erinnerte und verschwand zwischen kahlen Weinbergen und den verwilderten Streifen Erde, die einmal fruchtbare Felder gewesen waren.

Der Weiler am Fuße der Hügel lag still und verlassen da. Kein Rauchwölkchen kräuselte sich gen Himmel. Kein Hämmern und Klopfen zeigte an, dass dort noch eine Menschenseele lebte. Seine Bauern und Landarbeiter hatten gewiss den Glauben verloren, dass sich ihre Situation zum Besseren wenden könnte, und waren in die Stadt gezogen.

Yon schüttelte bei sich den Kopf. Warum tat er sich das an? Warum lud er sich dieses heruntergekommene Gut auf, obwohl er noch nicht einmal wusste, ob er tatsächlich in Verona bleiben würde? Sein Kontrakt galt für sechs Monate, in denen er beweisen musste, dass er für die Aufgabe geeignet war. Und nicht nur Ser Apollon hatte ein Auge auf ihn, auch Santiago würde jeden seiner Schritte beobachten. Wollte er diese Plage wirklich auf sich nehmen, nur um ein ehrbarer Bürger von Verona zu werden? Gott, er hatte keine Ahnung. Doch dann fiel ihm Adas Abschiedskuss ein. Die Erinnerung saß wie Widerhaken in seinem Fleisch, ließ sich nicht abschütteln, so sehr er sich bemühte. Sie hatte eine unerklärliche Sehnsucht in ihm geweckt, den drängenden Wunsch, ihr nahe zu sein.

»Gott, ich muss den Verstand verloren haben«, entfuhr es ihm.

Micheletto warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. Er setzte zu einer Bemerkung an, doch Yon schnitt ihm mit einer knappen Geste das Wort ab. »Sag nichts. Ich bemitleide mich gerade selbst. Das vergeht.«

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